30. April 2026
Warum die Gesellschaft Musikunterricht braucht
Was macht Musikausbildung so wertvoll? Diese und andere Fragen erörterte Beat Fehlmann in seinem spannenden Impulsvortrag beim Tag des Musikum.
Musikausbildung: Mehr als Noten und Konzerte
„Beat Fehlmanns Expertenblick von außen zeigte die wertvollen Perspektiven unserer Arbeit auf und verdeutlichte auf sehr anschauliche Weise den Mehrwert der Musikausbildung“, erklärt Thomas Aichhorn MA MA, pädagogisch-künstlerischer Landesdirektor des Musikum Salzburg. Es sind nicht nur die Anmeldezahlen oder ein voller Konzertkalender, die eine Musikschule auszeichnen – sondern einerseits ihr kultureller und wirtschaftlicher Gesellschaftsbeitrag und andererseits die unsichtbaren Entwicklungsräume, die im Musikunterricht geschaffen werden, in denen Schüler:innen persönlich reifen, wachsen und so zu verantwortungsvollen jungen Mitgliedern der Gesellschaft werden können.
Musikausbildung bildet, formt und fördert Wachstum
Der renommierte Kulturmanager, Musiker, Komponist und Dirigent Beat Fehlmann skizzierte Möglichkeiten, wie in einer Zeit zunehmender Standardisierung und Verknappung von Ressourcen Handlungsspielräume für eine Bildungsinstitution wie das Musikum zurückgewonnen werden können. So liegt der besondere Spielraum in einer Unterrichtseinheit in der situativen Praxis, also dort, wo Lehrende ihren Schüler:innen zuhören, auf sie reagieren, sie wahrnehmen. Denn der Musikunterricht ist keine reine Plananwendung: Genau in diesen Momenten geschieht Entwicklung. Dieser Prozess geschieht jedoch abseits der öffentlichen Wahrnehmung: In dieser werden nur Ergebnisse, etwa Konzerte oder Wettbewerbe, wahrgenommen.
Musikum ist kultureller Resonanzraum
Der renommierte Kulturmanager verdeutlichte seinen Punkt anhand der Metapher eines Pilzes und des diesem zugrunde liegenden Myzel-Netzwerkes: Wahrgenommen wird nur der Fruchtkörper, der Pilz, in diesem Fall eben Konzerte und musikalische Veranstaltungen. Doch das Entscheidende liegt darunter: Das unsichtbare Myzel-Netzwerk ist der vegetative Hauptteil von Pilzen, ein riesiges Geflecht, das Nährstoffe und Wasser transportiert. Im Falle des Musikums besteht dieses Geflecht aus all den Erfahrungen, Beziehungen und Begegnungen, die das musikalische Wachstum, den musikalischen Output an der Oberfläche, überhaupt erst ermöglichen.
Gemeinsames Narrativ für die eigene Arbeit entwickeln
Wo Spielräume kleiner werden, wird es schwieriger, individuelle Handlungsräume zu erhalten. Fehlmann ermutigte in seinem Vortrag, diese Chance auch individuell wahrzunehmen und richtete einen Appell an die rund 420 Musiklehrer:innen, Botschafter:innen ihrer eigenen Arbeit zu werden. Es gilt zu erklären, warum Musikunterricht kein Luxus ist, sondern kulturelle Grundversorgung, warum damit das Selbstvertrauen Tausender junger Menschen, deren Persönlichkeitsbildung und das soziale Miteinander gefördert werden.
„Musikalischer Ausdruck entsteht nicht durch Checklisten“
… so Fehlmann, und ein guter Unterrichtsmoment lasse sich auch nicht verordnen. Musik sei nie nur Wiedergabe, sondern auch Antwortfähigkeit, Resonanz, richtiger Einsatz, richtiges Maß und Gespür – alles Dinge, die sich nicht standardisieren lassen. Musikalische Bildung ist eine Praxis, die Strukturen braucht – etwa Organisation, Lehrpläne, Ziele – lebe aber auch davon, dass in diesen Strukturen Handlungsfreiräume entstünden, in denen Verantwortung übernommen und Entwicklung stattfinden könne. Diese Entwicklung ist nicht nur fachlich: Wer musiziert, lernt nicht nur Töne zu formen, sondern auch, sich zu zeigen, dranzubleiben, zuzuhören, Fehler auszuhalten und auszubessern, Unsicherheiten zu überstehen und Mut zu entwickeln. All diese Kompetenzen sind wichtig für das alltägliche Leben, die eigene Zukunft, aber auch die Gesamtgesellschaft.
Fotos: (c) Andreas Schaad, Bildsymphonie