09. Juli 2026
Digitaler Musikunterricht braucht Präsenz
Wir haben den Musiker und Bildungsexperten Benedikt Plößnig gefragt, wie digitalisierter Musikunterricht gelingen kann.
Benedikt Plößnig MA ist studierter Musikpädagoge (Jazz-Saxophon/IGP) und aktuell an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien tätig. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf DBR (design based research) bzw. entwicklungsorientierter Bildungsforschung. Im Zuge seiner Dissertation forscht er an der Entwicklung geeigneter Blended Learning-Konzepte für Musikschulen, ist eng mit diesen vernetzt und so bestens mit deren täglicher Unterrichtspraxis vertraut.
Digitalisierung des Musikunterrichts: Wo liegen die Chancen, wo die Risiken?
Die Chancen liegen ganz klar im Bereich des begleitenden Übens, das ist eigentlich der blinde Fleck in der Instrumental- und Gesangspädagogik, und in der Orts- und Zeitunabhängigkeit bei der Nutzung. Auch sind viele Apps unterstützend im Unterricht einsetzbar – Stichwort Drumcomputer, Stimmgerät und Metronom. Es darf nicht aus Kostengründen digitalisiert werden, sondern aus der Überzeugung für neue Lehr- und Lernformate. Das Lernen und Lehren ändert sich gerade in allen Bildungseinrichtungen, auch an Musikschulen. Es geht in Richtung Blended Learning-Formate und um die gemeinsame Entwicklung von Kompetenzen, besonders im Umgang mit digitalen Medien (Tutorials, Musikapps, etc.).
Was bedeutet Blended Learning genau, wie sieht ein solches Konzept aus?
Es bedeutet die Vermischung der Vorteile von Off- und Online-Lernphasen. Die Präsenzphase ist ganz klar das Offline, als Onlinephase können die Verwendung von Musikapps, selbst erstellte oder auf YouTube zu findende Tutorials sein. Es gibt aber auch umfangreiche Apps, die den Unterricht ergänzen, erweitern, ermöglichen, erleichtern, aber auch ersetzen können – ich nenne das die fünf E’s des Blended Learning.
Wichtig ist, dass das Off und das On gemeinsam gedacht wird, man kann auch sagen, dass das digitale Tool alleine nicht funktioniert, sondern unbedingt didaktisch-methodische (Vor-)Überlegungen und Konzepte braucht, um das Lernen der Schüler:innen bestmöglich zu unterstützen.
Wo liegt die Grenze zwischen sinnvollem Einsatz und Überdigitalisierung? Gibt es hier bestimmte „rote Linien“ oder pädagogische Kriterien?
Kritische Medienkompetenzen gemeinsam (also Lehrende und Lernende) entwickeln ist meine Devise. Ich glaube, Smartphones und Co. im Musikschulunterricht nicht zu verwenden oder gar zu verbieten wäre dabei den falschen Weg. Wir müssen uns den Dingen, die unfassbar schnell passieren (KI, KI Agents, Virtuell Reality, usw.) im Unterricht gemeinsam stellen, gemeinsam erörtern: Was hilft mir gerade beim Üben? Womit kann ich was anfangen? Was passt gerade in den jeweiligen Lernweg und worauf können wir verzichten, wo können wir auch mal bewusst Smartphone-freie Phasen haben? Das hat nicht nur Vorteile für Lernende, mein Forschungsprojekt hat gezeigt, dass sich vor allem auch Lehrende durch den Reflexionsprozess motiviert fühlten, neue Methoden kennenlernten und auch kompetenter im Umgang mit digitalen Medien wurden. Wir sind Coaches und Begleiter:innen, und da passt’s auch dazu, dass wir uns mal was von unseren Schüler:innen zeigen lassen. Da kann viel Gutes, Zwischenmenschliches passieren.
Was braucht es (Rahmenbedingungen, Infrastruktur, Budget etc.), damit so ein Prinzip nachhaltig und erfolgreich in einer Musikschule implementiert werden kann?
Das ist der größte Punkt. Es passieren unglaublich viele gute Projekte an Musikschulen in Österreich und wir können uns glücklich schätzen, in einem Land zu leben, in dem Musik einen so hohen Stellenwert hat. Zwei Wünsche, die ich habe: Die Musikschule muss sich strukturell ändern. Einheitliches Schulgeld für alle, flexible Unterrichtsformen, Öffnung als Musikschule für alle Gesellschaftsschichten und die Musikschule als Raum, der für alle zugänglich ist. Und der andere Wunsch: Wir brauchen eine Lobby, die unsere Interessen auch gegenüber der Politik nachhaltig vertritt. Nachdem sich der ÖFB jetzt neu aufgestellt hat, kann man auch sagen, wir können von denen einiges lernen – wir spielen in der Musikpädagogik nämlich wirklich bei der Weltmeisterschaft ganz vorne mit.
Foto: Privat