veröffentlicht am 18.03.2025
„Doping“ im Ohr: Wie Musik die sportliche Leistung beeinflusst
Wissenschaftlich belegt: Musik kann die sportliche Leistung messbar steigern – ob als musikalischer Ansporn im Ohr beim Joggen oder als rhythmischer Taktgeber im Mannschaftssport.
Milwaukee, 2009: Die amerikanische Marathonläuferin Jennifer Goebel darf sich nach Disqualifizierung der eigentlich Erstplatzierten über den Sieg im Lakefront Marathon freuen. Aber nicht lange – nur zwei Tage später muss sie das erlaufene Preisgeld in der Höhe von 500 Dollar wieder zurückzahlen. Es war ein Foto aufgetaucht, dass sie während des Rennens beim Musikhören zeigte, mit einem an der Hüfte befestigten iPod. Für Goebel unverständlich – doch in den Augen des Rennkomittees ist die Zuhilfenahme von Musik aufgrund des möglichen anspornenden Effekts ein unlauterer Wettbewerbsvorteil.
Die Kraft der Töne
Die Wissenschaft gibt dem Rennkomittee Recht: Musik kann tatsächlich dabei helfen, die wahrgenommene Anstrengung zu verringern, sodass sich die Ausdauer der Sportler:innen erhöht. Zu diesem Ergebnis kam eine Metaanalyse aus dem Jahr 2019 des Psychologieprofessors Dr. Peter Terry von der australischen Universität Southern Queensland, die 139 Studien zusammenfasste. Das Forschungsteam stellte fest, dass vor allem rhythmische Songs mit schnellerem Tempo eine besonders starke Wirkung haben. Bei Ausdauersportarten wie Laufen oder Radfahren kann der Trainingspartner Musik zu einer objektiven Leistungssteigerung führen, beim Krafttraining hingegen konnte das nicht festgestellt werden.
Olympiasiegerin & Chorsängerin Petra Kronberger
Petra Kronberger, zweifache Olympiasiegerin, ehemalige Weltmeisterin, Gewinnerin des Gesamtweltcups drei Mal in Folge und somit eine von Österreichs erfolgreichsten Skirennläuferinnen, kann sprichwörtlich ein Lied von der Wirkung der Musik singen: Sie ist seit 2005 eine leidenschaftliche Chorsängerin, seit 2008 singt sie im KammerChor KlangsCala des Musikum unter der Leitung von Helmut Zeilner. „Musik bringt mich, je nachdem, welche Art, in eine bestimmte Schwingung – ob freudvoll, melancholisch, schwung- oder kraftvoll. Manchmal fühlt es sich an, als würden sich subtile Blockaden lösen und die Musik mithelfen, die Energie ins Fließen zu bringen. Das ist auch eine der wichtigen Komponenten im Sport: Zugriff auf maximale Energie und in den sogenannten Flow kommen“, erzählt die ehemalige Skirennläuferin.
Musik als Motivationsbooster
Besonders vor Wettkämpfen setzen Athlet:innen häufig auf kraftvolle Songs, um sich mental zu pushen. Das ist kein Zufall – eine Studie aus dem Jahr 2017 bestätigte auch eine Auswirkung motivierender Musik auf Selbstbewusstsein und Risikobereitschaft. Die Studienautoren, Paul Elvers, Professor für Systematische Musikwissenschaft, und Jochen Steffens, Professor für musikalische Akustik, haben untersucht, ob Musik das Selbstbewusstsein steigert und dieses dann die Risikobereitschaft und besonders die Leistungsfähigkeit beeinflusst. Ausgangspunkt für die Studie war die Hypothese, „dass motivierende Musik dazu führt, dass man von seinen Fähigkeiten stärker überzeugt ist und dieses zu einer höheren Leistungsfähigkeit und Risikobereitschaft führt“, so Paul Elvers. Das funktioniert natürlich auch andersrum: Musik kann nach dem Sport helfen, zu entspannen. „Nach den Wettkämpfen hatte ich beim lockeren Auslaufen meinen Walkman dabei. Zum Runterkommen, oder um im Rhythmus der Musik Athletikübungen zu machen“, erzählt Petra Kronberger.
Ein weiterer interessanter Effekt ist die Freisetzung von Dopamin, einem Botenstoff, der mit Belohnung und Motivation verbunden ist. Wenn wir Musik hören, die uns emotional anspricht, wird Dopamin ausgeschüttet – ähnlich wie bei körperlicher Aktivität. Die Kombination aus Bewegung und Musik kann diesen Effekt verstärken und das Trainingserlebnis insgesamt angenehmer machen.
Musik als Taktgeber
Die Wirkung von Musik hängt stark vom Tempo ab – gemessen wird das in Beats per Minute (BPM). Während langsame Musik entspannend wirkt und sich eher für Cool-down-Phasen am Ende eines Trainings eignet, kann schnelle Musik die Herzfrequenz und den Bewegungsdrang steigern. Eine Studie der Universität Salzburg aus dem Jahr 2016 untersuchte diesen Effekt gezielt an Handballspielerinnen: Jene Spielerinnen, die zu Musik mit 145 BPM im Training liefen, konnten ihre Laufdistanz deutlich steigern.
Besonders effektiv ist es, wenn die Musik synchron zur Bewegung gespielt wird – ein Phänomen, das als „rhythmische Synchronisation“ bekannt ist. Der Körper neigt dazu, sich automatisch an den Takt der Musik anzupassen, was die Bewegungskoordination verbessern kann. Das ist besonders bei Aktivitäten wie Laufen, Rudern oder Radfahren relevant, bei denen ein gleichmäßiger Rhythmus von Vorteil ist.
Fazit: Musik als unsichtbarer Trainingspartner
Musik kann ein kraftvoller Energieschub sein, um das Training effizienter, angenehmer und motivierender zu gestalten. Sie steigert nicht nur die Ausdauer und reduziert das Schmerzempfinden, sondern wirkt auch auf die Psyche, indem sie Stress abbaut und die Stimmung hebt.
Für Sportler lohnt es sich also, gezielt Playlists zusammenzustellen, die auf die jeweilige Trainingsphase abgestimmt sind – langsame Songs zur Entspannung, motivierende Tracks für die intensive Trainingsphase. So wird Musik zu einem unsichtbaren, aber wirksamen Trainingspartner, der das Beste aus jeder Sporteinheit herausholt.
Quellen:
Bigliassi, Marcelo et al., The Way You Make Me Feel: Psychological and cerebral responses to music during real-life physical activity. In: Psychology of Sport and Exercise, 41, 211 – 217, 2019. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1469029217301425
Elvers, Paul u. Steffens, Jochen: The Sound of Success. Investigating Cognitive and Behavioral Effects of Motivational Music in Sports. In: Frontiers in Psychology, Vol. 8, 2017. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2017.02026
Jandl, Markus: Die Auswirkungen von Musik auf Physiologie und Leistungsfähigkeit beim Sport. Universität Salzburg, 2016.
Terry, Peter C. et al., Effects of Music in Exercise and Sport: A Meta-Analytic Review. In: Psychological Bulletin, 146(2), 91–117, 2020. https://doi.org/10.1037/bul0000216
https://www.derstandard.at/story/1254311251792/ipod-doping-marathon-siegerin-disqualifiziert
https://www.itespresso.de/2009/10/12/durfen-sich-marathonlaufer-mit-musik-dopen-inq/