28. Mai 2026

Türöffner, Torwächter? Musiklehrende und ihr Einfluss auf die Studiumswahl von Schüler:innen

Musikpädagogische Studiengänge verzeichnen Rückläufe, ein Fachkräftemangel ist prognostiziert: Welche Rolle spielen hier Musikschullehrende?

Türöffner, Torwächter? Musiklehrende und ihr Einfluss auf die Studiumswahl von Schüler:innen

Univ.-Prof. Dr. Michael Göllner von der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw) beschäftigte sich in seiner Studie „Türöffner, Torwächter oder beides?“ mit der Frage, welche Rolle Musikschullehrende bei der Begleitung ihrer Schüler:innen hinsichtlich deren Entscheidung für ein Musikpädagogikstudium einnehmen. Bei dem kommenden Symposium „Embracing Ambiguity“ am 29. und 30. Mai in Wien zu musikpädagogischen Themen, an dem auch der pädagogisch-künstlerische Landesdirektor vom Musikum, Thomas Aichhorn MA MA, teilnehmen wird, hält Prof. Dr. Göllner darüber einen Vortrag. 

Lehrende sind Schlüsselfaktor …
„Ziel der Studie war es, die Arbeit von Instrumentalpädagog:innen besser verständlich zu machen und das Berufsfeld zu unterstützen“, erklärt Prof. Dr. Göllner. „Die Vorbereitung auf das Musik(pädagogik)studium stellt eine Schwellensituation dar, über deren Gestaltung wir noch relativ wenig wissen. Im Sinne eines ersten Einblickes zeigen unsere Ergebnisse, wie super engagiert und verantwortungsbewusst Musikschullehrende agieren, wenn es um die musikalische Förderung ihrer Schüler:innen geht. Allerdings hatten die Lehrenden, mit denen wir Interviews geführt haben, nicht immer den Eindruck, dass der hohe persönliche Einsatz, den sie auf sich nehmen, gebührend honoriert wird.“
 

Vielmehr zeigte sich ein ambivalentes Erleben des eigenen Berufs: Lehrende lieben ihre musikalische Arbeit, sind auf der anderen Seite aber mit viel Bürokratie, wenig Zeit für künstlerische Projekte und teils wenig gesellschaftlichem Verständnis über ihren Beruf konfrontiert. In Zeiten prognostizierten Fachkräftemangels wirft dies Fragen auf – zumal sich zeigte, dass dieses ambivalente Berufsselbstbild auch die Übergangsarbeit beeinflussen kann.

… und zugleich Selektor:innen
Denn mit Blick auf ein Musikstudium müssen Lehrende neben den musikalischen Fähigkeiten ihrer Schüler:innen auch Sekundärtugenden wie beispielsweise Motivation oder Ausdauer berücksichtigen. Eine wichtige Rolle spielt zudem die familiäre Unterstützung. Denn Musizieren ist etwas, das sowohl Geld als auch soziale und zeitliche Ressourcen erfordert. Erlaubt die familiäre Situation überhaupt den Aufwand einer Studienvorbereitung? „Insgesamt werden zwei gegensätzliche Rollen erkennbar: Lehrende fungieren einerseits als Türöffner, die Talente fördern, Familien beraten und Türen zu Universitäten aufstoßen.
In gewisser Weise kommt ihnen aber auch die Rolle von Torwächtern zu – etwa, indem sie ihre Schüler:innen noch lange vor einer Zulassungsprüfung auf die Realität des Musiker:innenberufs vorbereiten oder wenn sie abwägen, welche:r Schüler:in realistische Aussichten auf einen Studienplatz hat.“ Die Spannung, die zwischen diesen beiden Rollen erkennbar wird, lässt sich nicht vollständig auflösen – das zeigt, wie anspruchsvoll die professionelle Begleitung von Übergängen tatsächlich ist.  

Kommunikation & Ziele schärfen, Maßnahmenreform nötig
Ein erster Hebel ist die Kommunikation, erklärt Dr. Göllner. „Die Schaffung eines Bewusstseins für widersprüchliche Anforderungen und die Herausforderungen verantwortungsvoller Beratung kann ein erster Schritt sein – ebenso wie eine Verbesserung des internen Informationsaustauschs. Oft sind auch die Ziele nicht wirklich klar – Musikschulen machen einerseits Breitenarbeit, fördern aber auch die Spitzen. Auf struktureller Ebene wäre es gut, den daraus resultierenden Spagat zu thematisieren und klarer zu schauen, was sind denn die Zuständigkeiten und Profile der Lehrenden? Welche Ressourcen sind vorhanden, kann man vielleicht Teams bilden – ohne hier die bereits engagierten Lehrkräfte noch zusätzlich zu überfordern.“ 

Ganz generell sieht der Musikprofessor aber die Zeit reif für eine Maßnahmenreform, denn die Gesellschaft verändert sich: „In Zeiten des Fachkräftemangels und ungleicher Bildungschancen brauchen wir Maßnahmen, die in die Breite gehen, sich aber gleichzeitig so gestalten lassen, dass auch einzelne potenzielle Talente gesehen und gefördert werden – und das möglichst unabhängig vom jeweiligen sozialen Hintergrund. Musikschulen haben in dieser Hinsicht ein großes Potential, zu mehr Bildungsgerechtigkeit zu verhelfen.“ 

Musikum setzt bereits auf strukturierte Begabtenförderung
Das Musikum hat hier mit den eigenen Akademien schon ein gutes Konzept parat, insbesondere mit der Akademie für Begabtenförderung und Studienvorbereitung. Als Förderprogramm mit ganzheitlichem Bildungskonzept werden zwei Ebenen der Begabungsförderung angeboten. Wer sich qualifiziert, profitiert von mehr Unterrichtszeit, Workshops, Feedback-Konzerten, Meisterkursen und anderen Projekten. 

Zur Studie:

https://uebenundmusizieren.de/wp-content/uploads/sites/4/2026/03/12_Tueroeffner-Torwaechter.pdf

Foto: Ralph Bauer

 

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