26. März 2026

„Mentales Training bedeutet nicht, einfach einen Zauberstab zu schwingen.“

Mentaltrainerin Michaela Unger unterstützt junge Musiker:innen beim Umgang mit Lampenfieber und Nervosität.

Lampenfieber verschont selbst die talentiertesten Musiker:innen nicht und war auch einer der persönlichen Gründe, wieso Michaela Unger, Klavierlehrerin am Musikum Salzburg für fast vier Jahrzehnte, sich für Mentaltraining zu interessieren begann. „Ich wollte außerdem auch meinen eigenen Schüler:innen bei Nervosität vor Auftritten besser zur Seite stehen können. Einfach nur zu sagen ,Du schaffst das schon‘ hilft ihnen in diesen Momenten oft nicht sehr viel.“

Hilfe zur Selbsthilfe
So absolvierte sie 2010 in Wien die Ausbildung zur Mentaltrainerin und ergänzte im Laufe der Jahre ihr Know-how mit zahlreichen Weiterbildungen. Seit 2022 vermittelt sie in der Musikum-Akademie für Begabtenförderung und Studienförderung (ABF) jungen Musiktalenten dazu praxisnahe Übungen und Techniken, auch für reguläre Musikum-Schüler:innen sowie Lehrende ist das Weiterbildungsangebot möglich. „Im Wesentlichen geht es darum, sich bewusst zu machen, was sich in diesen Situationen in meinem Kopf abspielt und Wege zu finden, mir da selbst zu helfen. Für diese Dimension des Auftretens bleibt im regulären Unterricht leider kaum Zeit“, so Unger. Und so bringt sie ihren Schüler:innen näher, wie sich Lampenfieber auf drei Ebenen äußert, nämlich im Körper, den Gefühlen und Gedanken, und was man dagegen machen kann. 

Positiven Outcome visualisieren
„Die körperliche Ebene können wir mit ganz viel Atemübung erreichen. Der Atem ist jener Teil des vegetativen Nervensystems, den wir bewusst beeinflussen können. Für die Muskulatur machen wir Lockerungsübungen, aber auch Entspannungsübungen. Die Gefühls- und Gedankenebene sind eng miteinander verbunden: Negative Gedanken führen zu negativen Gefühlen. Die Gefühlsebene ist am schwersten zu erreichen, daher müssen wir hier bei den Gedanken ansetzen, zum Beispiel mit Fantasiereisen, in denen wir den Auftritt vor dem inneren Auge als schön und positiv visualisieren und so ein positives Gefühl damit verankern.“

Metakognition und Selbstwahrnehmung
Die Schüler:innen lernen, klare Ziele zu definieren, ihre eigenen Gedanken zu beobachten, einzuordnen und sich selber in Stresssituationen mit Mitgefühl und Geduld zu begegnen – wie einem guten Freund oder einer guten Freundin. Um das auch in der besonders sensiblen Phase vor dem Auftritt im Backstage-Bereich abrufen zu können, entwickelt Michaela Unger mit den Schüler:innen persönliche Sätze, die sie sich auf „magische Karten“ schreiben und zu Auftritt mitnehmen. Außerdem sollen sich die Schüler:innen immer auch ihr ganz persönliches „Warum“ vergegenwärtigen, das sie ebenfalls mit der Mentaltrainerin gemeinsam erarbeitet haben: dass die Musik ein Geschenk für sie selbst und das Publikum ist, die Freude, die sie beim Musizieren in Gemeinschaft erleben oder auch an dem Eintauchen in eine ganz andere Welt. 

Übung und Training machen Meister:innen
Durch regelmäßiges Trainieren dieser Übungen können so Rituale geschaffen werden, die ihnen vor Auftritten ein Gefühl der Sicherheit geben. Regelmäßig ist dabei das Stichwort: „Mentaltraining ist kein Zauberstab, den man einfach so schwingt. Training ist wichtig, um dann so vor dem Auftritt viel mehr im Moment und bei sich sein zu können.“ Nach den ABF-Konzerten berichten die Schüler:innen von ihrem Auftrittserlebnis, erhalten von Michaela Unger, aber auch den anderen Schüler:innen konstruktives Feedback. 

Der Mensch ist nicht ersetzbar
Besonders schön, so Unger, sei dabei zu sehen, wie sich die Schüler:innen im Laufe der Zeit öffnen, sich gegenseitig bestärken, motivieren und auch selbstbewusster werden. Diese menschliche Dimension ist es auch, die durch keinen Online-Kurs oder eine KI zu ersetzen ist. „Ich als Mensch kann einen anderen Menschen in all seinen Facetten wahrnehmen. Das kann die KI nicht. Und das gilt auch für das Publikum: Da sitzen ja auch keine Chatbots mit Ohren“, schmunzelt die Mentaltrainerin.

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